In dieser Rubbrik möchten wir in unregelmäßigen Abständen gegensetzliche Äußerungen und Standpunkte gegenüberstellen.
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PRO



Hehre Absichten

von Michael Erbach, PNN-Chefredakteur, PNN vom 14.05.2011

Michael Erbach glaubt, dass die Gegner der Garnisonkirche keine Chance bekommen werden, Zweifel am Projekt wecken zu können

Am Sonntag hält Juliane Rumpel in der Friedenskirche einen Begrüßungsgottesdienst – es ist ihr erster Dienst als Pfarrerin der Kapelle am Standort der Garnisonkirche. Der Gottesdienst wird mehr sein als ein symbolischer Akt – die inhaltliche Arbeit für das künftige Gotteshaus in der Breiten Straße beginnt. Angesichts der riesigen Aufgabe, vor der die Garnisonkirchenstiftung steht – Wiedererrichtung der 1968 gesprengten Kriegsruine mit Kosten von 39 Millionen Euro allein für den Turm –, zeugt die Ordination von Frau Rumpel von viel Mut. Doch den haben diejenigen, die das Projekt betreiben, längst bewiesen. Die einstige Garnisonkirche soll in ihrer historischen Gestalt wiederaufgebaut werden – als stadtbildprägendes Gebäude und als offene Stadtkirche, als Ort der Versöhnung, der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart mit dem Blick in die Zukunft. Wer sollte daran Anstoß nehmen? In dieser Woche gründete sich die Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“. Die Argumente der Gegner der Kirche sind so wortgewaltig wie an den Haaren herbeigezogen. „Fanatische Preußenschwärmer“ wollten eine „Hitlerkirche“ errichten, hieß es unter anderem. Sicher, es gab den 21. März 1933, als sich mit dem Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler in dieser Kirche Preußentum und Nationalsozialismus vereinten. Aber nichts, rein gar nichts von dem, was seit 2004 mit dem „Ruf aus Potsdam“ für den Wiederaufbau der Barockkirche geschah, gibt Anlass, an den hehren Absichten jener zu zweifeln, die die Kirche wiederhaben wollen. Jener „Tag von Potsdam“ 1933 ist Teil der Geschichte der Kirche – aber auch nur ein Tag. In der Garnisonkirche beteten beispielsweise viele der Offiziere des 20. Juli 1944, die Hitler stürzen wollten. Diese Widersprüchlichkeit von Geschichte ist genau einer der Ausgangspunkte für die künftige Kirchenarbeit an diesem Ort. Max Klaar, der Vorsitzende der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, ist zudem der beste Beweis dafür, dass die Garnisonkirche eben kein Wallfahrtsort für Preußen-Fans werden soll. Klaar sammelte mehrere Millionen Euro für eine Garnisonkirche in christlich-preußischer Tradition. So wollte er die Kirche, nur so. Die Garnisonkirchenstiftung hat auf diese Millionen verzichtet – obwohl die Finanzierung des Wiederaufbaus der Kirche derzeit das größte Problem darstellt. Die Gegner des Projekts werden nichts erreichen – und die Befürworter werden keine Zweifel an den guten Absichten des Wiederaufbauprojekts aufkommen lassen.

CONTRA



Demokratische Absichten

von Henri Herborn, Mitglied der Bürgerinitiative, Leserbrief vom 17.05.2011

Die Bürgerinitiative Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche muss keine Zweifel wecken. Sie sind vorhanden und werden nun hör- und diskutierbar.

Ach ginge es den Befürwortern der Garnisonkirche doch nur um ein Haus der Versöhnung! Michael Ehrbach geht durch den Wald der Schlagworte und nimmt mit, soviel er tragen kann: Der Nachbau der Garnisonkirche solle der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart mit dem Blick in die Zukunft dienen. Versöhnung sei zentraler Antrieb der Aufbauwilligen. Dazu sagt auch die Bürgerinitiative ja und schlägt vor: Lasst uns einen Platz der Versöhnung und des Austausches schaffen, in einem demütigen Bau an Stelle der Garnisonkirche und gerichtet nach den Bedürfnissen unserer Stadt. Wer hat behauptet, dass man eine Kirchenkopie für eine Versöhnung bräuchte? Versöhnung ist das Feigenblatt vor der verweigerten Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gewalt und Zerstörung, die schließlich auch diese Kirche zu Fall brachte. Denn ja, Herr Ehrbach, ein Hitlerhandschlag macht noch keine Baugeschichte, ist aber Bestandteil einer militärischen Tradition der Garnisonkirche. Diese Tradition war bereits in das Fundament des Baus eingeflossen und wurde erneut in die neuen Kirchenglocken eingegossen.

Die Neubauwilligen fahren eine geschickte Strategie - und sind unanständig: Weil sie sich Versöhnung auf ihre Fahne schreiben, diese aber in der unkommentierten, perfektionistischen Nachahmung der einstigen Garnisonkirche zur Bedingung machen. Und das alternativlos. (Übrigens das Unwort des Jahres 2010). Warum bedarf es eines belasteten Baus, um Versöhnung zu üben? Die Antwort liefert wieder Michael Ehrbach: um mit einer Stadtkirche ein Stadtbild zu prägen. Dazu wäre zu fragen: Erstens, zu welchen Ereignissen der letzten Jahre fehlte es der säkularen Stadt Potsdam dringend an einem weiteren kirchlichen Raum? Zweitens, seit wann befördert es die alltägliche wirtschaftliche wie soziokulturelle Lebensqualität einer Stadt der Gegenwart, wenn die Höhendominanten des 18. Jahrhunderts nachgebaut werden?

Wir finden: Die Garnisonkirche ist sehr gut aufgehoben im kollektiven Gedächtnis. Das umfasst ihre barocke Architektur, ihre Intention als Militärkirche, ihre Inszenierung als "Geburtsstätte des Dritten Reiches", ihre Zerstörung im Krieg, dessen Geist sie selbst in die Welt sandte und die Sprengung ihrer Ruine 1968.

Die hektische Unterstellung Michael Ehrbachs, unsere 48 Stunden alte Bürgerinitiative könne keine Zweifel wecken, gibt uns solides Selbstvertrauen. Haben wir uns doch vorgenommen, ein öffentliches Forum zu erschaffen für alle Potsdamer und Potsdamerinnen, die längst Zweifel an Bauprojekt und Baukultur mit sich tragen. Wir widersetzen uns dem Rekonstruktionswillen einiger weniger und suchen die demokratische Auseinandersetzung zum Wohle der Stadt der Vielen. Wir fordern, was selbst auf der Grundsteinlegung der Kapelle am Samstag nicht gewährleistet wurde, als wir grundlos polizeilich des Platzes verwiesen wurden: Transparenz der Mittel und Motive, öffentliche Diskussionen über offene Fragen und Alternativen. Potsdam ist unsere Stadt der Gegenwart, die Hülse der Garnisonkirche hat dieser Stadt nichts zu geben.